Das Vaterunser, Satz für Satz

Das Vaterunser ist das Gebet, das Jesus seinen Jüngern selbst beigebracht hat. Katholiken und Protestanten beten im deutschen Sprachraum denselben Text. Der Unterschied liegt vor allem beim Schluss, und dazu gibt es eine Geschichte.

Redaktion Weile · aktualisiert am 5. Oktober 2026

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Der Text des Vaterunsers

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Das ist die ökumenische Fassung, auf die sich die Kirchen im deutschen Sprachgebiet 1968 geeinigt haben. Sie gilt in katholischen und evangelischen Gottesdiensten gleichermassen.

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Katholisch und evangelisch: der Unterschied

Der Wortlaut ist derselbe. Verschieden ist der Gebrauch des Schlusses «Denn dein ist das Reich …», den man Doxologie nennt, Lobpreis.

Evangelisch wird das Vaterunser fast immer mit der Doxologie gebetet, direkt im Anschluss an «erlöse uns von dem Bösen».

Katholisch endet das Vaterunser beim persönlichen Beten und im Rosenkranz meist mit «sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen». In der Messe schiebt der Priester nach der letzten Bitte ein eigenes Gebet ein, den Embolismus: «Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen …». Danach antwortet die Gemeinde mit der Doxologie. Katholiken beten den Lobpreis also auch, nur etwas später.

Ältere Menschen kennen oft noch frühere Fassungen, etwa «Vater unser, der du bist im Himmel». Beides ist richtig. Wer in einem gemischten Kreis betet, fährt mit der ökumenischen Fassung am besten.

Woher der Schluss kommt

In den ältesten Handschriften des Matthäusevangeliums fehlt die Doxologie. Sie steht in späteren Handschriften und in der Didache, einer frühchristlichen Gemeindeordnung. Die Gemeinden haben das Gebet also schon sehr früh mit einem Lobpreis abgeschlossen. Darum fehlt der Satz in vielen modernen Bibelübersetzungen oder steht nur in einer Fussnote.

Das Vaterunser in der Bibel

Das Vaterunser steht zweimal in der Bibel. Die längere Fassung findet sich in der Bergpredigt im Matthäusevangelium. In der Übersetzung von Hermann Menge lautet sie:

Unser Vater, der du bist im Himmel: Geheiligt werde dein Name! Dein Reich komme! Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auch auf der Erde! Unser auskömmliches Brot gib uns heute! Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir sie unsern Schuldnern vergeben haben! Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen! Matthäus 6,9–13

Kurz davor sagt Jesus, worum es ihm geht: «Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; denn sie meinen, Erhörung zu finden, wenn sie viele Worte machen. Euer Vater weiss ja, was ihr bedürft, ehe ihr ihn bittet» (Matthäus 6,7–8). Gleich danach folgt das Vaterunser.

Bei Lukas ist das Gebet kürzer. Dort bitten die Jünger: «Herr, lehre uns beten», und Jesus beginnt einfach mit «Vater» (Lukas 11,1–4).

Satz für Satz

Vater unser im Himmel

Jesus spricht Gott als Vater an, auf Aramäisch «Abba». So nennt er ihn auch in der Nacht vor seinem Tod (Markus 14,36). Wer das Vaterunser betet, darf diese Anrede übernehmen. «Unser» heisst: Niemand betet es ganz allein, auch wenn er allein im Zimmer sitzt. «Im Himmel» meint Gottes Welt, die grösser ist als alles, was wir uns von ihm denken.

Geheiligt werde dein Name

Die erste Bitte gilt Gott selbst. Sein Name soll geehrt werden, in der Welt und in meinem Leben. Das klingt fromm und weit weg. Im Alltag heisst es zum Beispiel, Gott nicht für eigene Zwecke einzuspannen und andere nicht in seinem Namen kleinzumachen.

Dein Reich komme

Das Reich Gottes ist die Welt, wie Gott sie gemeint hat: Hungrige werden satt, Traurige getröstet, Unrecht wird zurechtgebracht. Jesus sagt, es habe mit ihm schon begonnen. Die Bitte hält die Sehnsucht wach, dass es ganz kommt.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden

Das ist vielleicht die schwerste Bitte. Jesus hat sie selbst in Getsemani gebetet, unter Angst: «Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!» (Markus 14,36). Wer sie ehrlich betet, hält Gott die eigenen Pläne hin und lässt ihn mitreden.

Unser tägliches Brot gib uns heute

Hier wird das Gebet ganz konkret: Essen, Wohnung, Arbeit, Gesundheit, das, was man zum Leben braucht. Das griechische Wort, das mit «täglich» übersetzt wird, ist selten und schwer zu deuten. Menge schreibt «auskömmlich», also so viel, wie man braucht. Die Bitte gilt für heute, und sie gilt für alle: Es heisst «unser» Brot.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

Diese Bitte verbindet Gottes Vergebung mit unserer eigenen. Jesus kommentiert sie gleich nach dem Gebet noch einmal (Matthäus 6,14–15). Vergeben ist oft ein langer Weg. Man kann die Bitte auch so beten: Hilf mir, dass ich vergeben kann, ich schaffe es noch nicht.

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Und führe uns nicht in Versuchung

Diese Bitte hat 2017 eine Debatte ausgelöst. Papst Franziskus kritisierte die übliche Übersetzung, weil sie klingt, als würde Gott selbst in Versuchung führen. Auf Französisch und Italienisch beten Katholiken inzwischen eine geänderte Fassung. Die Deutsche Bischofskonferenz entschied im Januar 2018, den deutschen Text zu belassen, weil er dem griechischen Original folgt. Gemeint ist die Bitte: Lass uns in der Prüfung nicht allein, lass uns nicht fallen.

Sondern erlöse uns von dem Bösen

Die letzte Bitte ist weit gefasst. Sie meint das Böse in der Welt, in anderen und in mir selbst. Wer abends müde ist und kaum noch Worte hat, kann das ganze Gebet in diesem Satz zusammenfassen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Am Ende kehrt das Gebet zu Gott zurück, wie es angefangen hat. «Amen» ist hebräisch und heisst ungefähr: So ist es, darauf verlasse ich mich.

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Wie du das Vaterunser neu beten kannst

Wer das Vaterunser seit der Kindheit kennt, spricht es leicht im Schnellgang. Ein paar Wege, es wieder langsam zu beten:

  • Bete es einmal ganz langsam und mach nach jeder Bitte einen Atemzug Pause.
  • Nimm dir für einen Tag nur eine Bitte vor und sprich sie bei jeder Gelegenheit.
  • Bete es laut, zum Beispiel als Tischgebet mit der Familie.
  • Lass es dir vorsprechen und bete leise mit.
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Quellen

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