Kerze in der Kapelle

Stille · Atem, Psalm 131, Jesusgebet, 25 Minuten

Eine halbe Stunde Stille

25 Min. · Stimme Lana und Leon

Erst beim Atem ankommen, dann mit Psalm 131 still werden wie ein Kind bei der Mutter, zum Schluss das Jesusgebet. Für Tage, an denen zehn Minuten nicht reichen.

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Willkommen. Die nächsten zehn Minuten gehören dir und Gott. Du musst dafür nichts können und keine Erfahrung mitbringen. Ich sage dir jeweils, was du in der Stille tun kannst. Und wenn es einmal nicht gelingt, ist das auch in Ordnung.

Such dir einen Platz, an dem du gut sitzen kannst. Auf einem Stuhl zum Beispiel, beide Füsse auf dem Boden. Der Rücken aufrecht, ohne steif zu werden. Die Hände liegen locker auf den Oberschenkeln, die Handflächen nach oben oder nach unten, wie es sich richtig anfühlt.

Wenn du magst, schliess die Augen. Oder lass den Blick ein Stück vor dir auf den Boden sinken, ohne etwas anzuschauen.

Geh kurz mit der Aufmerksamkeit durch deinen Körper. Die Stirn darf sich glätten. Der Kiefer darf locker werden, die Zunge liegt ruhig im Mund. Die Schultern sinken ein Stück nach unten. Und der Bauch darf weich sein, du musst ihn nicht einziehen.

Wir tun heute etwas sehr Altes. Schon vor vielen Jahrhunderten haben Christen ihr Gebet mit dem Atem verbunden. Der Atem ist immer da. Du nimmst ihn überallhin mit, ins Büro und ans Krankenbett.

Im Buch Genesis wird erzählt, wie Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden bildet. Dann bläst er ihm den Lebensatem in die Nase. Und so wird der Mensch lebendig.

Jeder Atemzug, den du heute gemacht hast, kommt von dort her. Du empfängst ihn, jeden einzelnen.

Beginnen wir. Richte deine Aufmerksamkeit auf den Atem. Du musst ihn nicht verändern. Beobachte nur, wie er von selbst kommt und geht.

Vielleicht merkst du, wo du ihn am deutlichsten spürst. An der Nase, wo die Luft kühl hereinkommt und etwas wärmer wieder hinausgeht. Oder im Bauch, der sich hebt und senkt. Bleib an dieser Stelle.

Es werden Gedanken kommen. Das ist ganz normal, auch bei Menschen, die seit vierzig Jahren so beten. Wenn du merkst, dass du abgeschweift bist, zur Einkaufsliste, zu einem Gespräch von gestern, dann lass den Gedanken ziehen und kehr zum Atem zurück. Ohne Ärger. Jedes Mal, wenn du zurückkehrst, betest du.

Jetzt geben wir dem Atem ein Wort mit. Beim Einatmen sprichst du innerlich, ganz ohne Stimme: Atem Gottes. Und beim Ausatmen: in mir.

Einatmen: Atem Gottes.

Ausatmen: in mir.

Einatmen: Atem Gottes.

Ausatmen: in mir.

Mach so weiter, in deinem eigenen Tempo. Die Worte passen sich deinem Atem an. Wenn die Worte stören, lass sie weg und bleib einfach beim Atem.

Atem Gottes. In mir.

Einatmen: Atem Gottes. Ausatmen: in mir. Ganz ohne Eile.

Wenn du jetzt merkst, dass du irgendwo anders warst, macht das nichts. Merk dir einfach, wo du warst, und komm freundlich zurück. Atem Gottes. In mir.

Jetzt kannst du beim Ausatmen etwas mitgeben. Was dich heute beschäftigt. Eine Sorge oder den Namen eines Menschen. Du atmest es aus, zu Gott hin. Beim Einatmen empfängst du wieder, was er dir gibt.

Lass jetzt auch die Worte los. Bleib einfach da. Du atmest, und Gott ist da.

Wir beten heute mit einem der kürzesten Psalmen der Bibel, dem Psalm hunderteinunddreissig. Er hat nur drei Verse. Ich lese ihn einmal langsam vor. Hör einfach zu.

Herr, mein Herz ist nicht hochfahrend, und meine Augen erheben sich nicht stolz. Ich gehe nicht mit Dingen um, die vermessen sind und mir zu hoch.

Nein, ich habe mein Herz beruhigt und gestillt. Wie ein entwöhntes Kind an der Mutter Brust, so ruht entwöhnt mein Herz in mir.

Israel, harre des Herrn, von nun an bis in Ewigkeit.

Stell dir ein kleines Kind vor, das bei seiner Mutter liegt. Vorher hat es vielleicht geweint, und jetzt ist es ruhig geworden. Es will nichts mehr. Sein Atem geht langsam.

Wenn du Kinder hast, kennst du diesen Moment. Oder du erinnerst dich daran, wie es war, selbst so gehalten zu werden. Wenn dir diese Erinnerung fehlt, dann stell dir einfach vor, wie es sein könnte. Gott hält dich so.

Zuerst schauen wir auf das, was dir zu hoch ist. Dinge, die vermessen sind und mir zu hoch, heisst es im Psalm. Was ist das bei dir? Die Weltlage. Die Zukunft deiner Kinder. Die Frage, wie es mit deinen Eltern weitergeht. Eine Entscheidung, die du nicht überblickst.

Nimm eins davon und leg es in Gedanken vor dich hin. Du musst es jetzt nicht lösen. Du darfst es Gott überlassen, für diese paar Minuten.

Und jetzt sprich innerlich den Satz aus dem Psalm, langsam, beim Ausatmen: Ich habe mein Herz beruhigt und gestillt. Wenn dir der Satz zu lang ist, nimm nur die letzten Worte: mein Herz wird still.

Bleib bei diesem Satz. Lass es geschehen, so wie das Kind im Arm der Mutter ruhig wird, ohne sich anzustrengen.

Wenn Gedanken kommen, und sie werden kommen, dann ist das kein Grund, unruhig zu werden. Kehr einfach zurück zu den Worten. Mein Herz wird still.

Stell dir jetzt vor, dass du so gehalten bist. Du musst nichts leisten und nichts entscheiden. Du liegst einfach da, und jemand ist da, der dich hält.

Mein Herz wird still.

Wenn Traurigkeit aufsteigt, oder Tränen, dann darf das sein. Auch das Kind im Psalm hat wohl vorher geweint.

Langsam kommen wir zum Ende. Hör noch einmal den letzten Vers: Harre des Herrn, von nun an bis in Ewigkeit. Harren heisst warten, mit Vertrauen. Du musst nicht alles heute wissen.

Gott, du bist mir Vater und Mutter zugleich. Danke, dass ich bei dir ruhig werden darf, auch wenn um mich herum nichts ruhig ist. Amen.

Dieses Gebet kommt aus dem christlichen Osten. Mönche auf dem Berg Athos beten es seit Jahrhunderten, Tag und Nacht. Aber es gehört genauso der Pflegerin im Nachtdienst und dem Vater, der mit dem Kinderwagen um den Block läuft, damit das Baby endlich schläft.

Vor bald hundertfünfzig Jahren erschien in Russland ein kleines Buch über einen Pilger. Er hatte in der Kirche gehört, man solle ohne Unterlass beten, und wollte wissen, wie das gehen soll. Ein alter Mönch hat ihn dieses Gebet gelehrt. Der Pilger ist damit durch das ganze Land gewandert, und irgendwann hat das Gebet in ihm weitergebetet, auch wenn er an anderes dachte.

Seine Wurzel liegt im Evangelium. Vor der Stadt Jericho sitzt ein blinder Bettler am Weg, Bartimäus. Als er hört, dass Jesus vorbeikommt, fängt er an zu rufen: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner.

Die Leute sagen ihm, er solle still sein. Er ruft nur noch lauter. Da bleibt Jesus stehen und lässt ihn holen. Bartimäus wirft seinen Mantel ab, springt auf und kommt zu ihm. Und Jesus fragt: Was willst du, dass ich dir tue?

Erbarme dich meiner. Das hebräische Wort für Erbarmen ist verwandt mit dem Wort für den Mutterschoss. Der Satz heisst ungefähr: Schau mich an und wende dich mir zu. Ich brauche dich.

So geht das Gebet. Beim Einatmen sagst du innerlich: Herr Jesus Christus. Beim Ausatmen: erbarme dich meiner. Ohne Stimme, ganz langsam. Die Worte liegen auf dem Atem, wie ein Boot auf dem Wasser.

Versuchen wir es zusammen. Ich spreche die Worte, du atmest mit. Herr Jesus Christus.

Erbarme dich meiner.

Herr Jesus Christus.

Erbarme dich meiner.

Jetzt betest du allein weiter, in deinem Rhythmus. Wenn ein Gedanke kommt, lass ihn vorbeiziehen und kehr zum Satz zurück. Du musst nichts dabei fühlen. Es genügt, dass du den Namen Jesu immer wieder aussprichst.

Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.

Einatmen: Herr Jesus Christus. Ausatmen: erbarme dich meiner.

Vielleicht merkst du, dass die Worte schneller werden, oder mechanisch. Dann mach langsamer. Leg bei jedem Wort ein wenig Gewicht auf den Namen. Jesus.

Du kannst jetzt spüren, wo das Gebet in dir sitzt. Am Anfang ist es im Kopf. Mit der Zeit rutscht es tiefer, in die Brust, in die Gegend des Herzens. Du musst das nicht erzwingen. Lass es einfach sinken.

Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.

Jetzt kannst du das Gebet für einen anderen Menschen beten. Denk an jemanden, der es gerade schwer hat. Und sprich beim Ausatmen: erbarme dich seiner. Oder: erbarme dich ihrer.

Und nun wieder für dich, und für uns alle. Herr Jesus Christus, erbarme dich unser.

Langsam kommen wir zum Ende. Lass den Satz ausklingen, wie eine Glocke, die nachschwingt.

Bartimäus hat Jesus gesagt, was er wollte. Ich möchte sehen. Wenn du magst, sag Jesus jetzt auch, was du dir von ihm wünschst. Ein Satz genügt.

Herr Jesus Christus, danke, dass du stehen bleibst, wenn ich rufe. Amen.

Ein Vorsatz für heute: Nimm dieses Gebet mit. Wenn du auf etwas wartest, in der Schlange an der Kasse oder im Lift, sag den Satz ein einziges Mal. Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.

Öffne die Augen, wenn du so weit bist.