
Einschlafen · drei Geschichten, gut 35 Minuten
Die lange Nacht
37 Min. · Stimme Michael und Lana
Mit Jesus im Boot über den See, mit dem Hirten durch Psalm 23 und zurück an den Anfang der Schöpfung. Drei Geschichten, langsam erzählt, mit Stille dazwischen.
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Leg dich hin und lass deinen Körper schwer werden. Das Bett trägt dich, du musst dich nicht mehr halten.
Atme ein, und lass den Atem langsam hinausfliessen.
Heute erzähle ich dir eine Geschichte vom See Gennesaret, so, wie einer der Jünger sie erlebt haben könnte, der mit im Boot sass.
Es ist Abend geworden am See. Den ganzen Tag waren Menschen da, so viele, dass Jesus vom Boot aus zu ihnen gesprochen hat, ein paar Meter vom Ufer entfernt. Jetzt gehen sie langsam nach Hause, in die Dörfer rund um den See.
Und Jesus sagt zu uns: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.
Wir nehmen ihn mit, so wie er ist, müde vom Tag. Ich stosse das Boot vom Ufer ab, das Holz schabt über die Kiesel, und dann trägt uns das Wasser. Ein paar andere Boote fahren mit.
Das Ufer entfernt sich langsam. Die Häuser werden klein, und in den Fenstern gehen die ersten Lichter an, eines hier, eines dort.
Das Boot ist mir vertraut. Ich kenne jede Planke, den Geruch von Teer und nassem Holz und das Knarren der Ruder in ihren Halterungen.
Jesus legt sich hinten ins Boot, auf das Kissen beim Steuer. Er schläft sofort ein, wie einer, der den ganzen Tag gegeben hat.
Draussen auf dem See wird es dunkler. Die Hügel am Ufer werden zu Schatten.
Dann kommt der Wind.
Er fällt von den Bergen herunter, wie so oft auf diesem See, schnell und kalt. Die Wellen werden höher, und Wasser schlägt über den Rand ins Boot. Wir schöpfen und rudern, und das Boot füllt sich trotzdem.
Und er schläft.
Wir wecken ihn. Meister, rufen wir, liegt dir nichts daran, dass wir untergehen?
Er steht auf. Er schaut in den Wind, und er sagt zum See: Schweige. Werde still.
Und der Wind legt sich.
Es wird ganz still. Völlige Windstille, so erzählt es Markus.
Jesus fragt uns, warum wir solche Angst hatten. Seine Stimme ist ruhig, fast sanft. Und wir sitzen da, nass bis auf die Haut, und staunen. Wer ist das, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?
Jetzt liegt der See da wie ein Spiegel. Die letzten Wellen laufen aus und klatschen leise gegen die Bordwand, immer leiser, bis nur noch ein sanftes Schaukeln bleibt.
Ich tauche meine Hand ins Wasser. Es ist kühl und weich, und als ich sie herausziehe, glitzern die Tropfen im Sternenlicht.
Die Wolken ziehen weiter nach Osten, und dahinter kommt der Himmel zum Vorschein, tiefblau und klar. Ein Stern, dann noch einer, und dann so viele, dass man sie nicht mehr zählen kann.
Ich wringe mein Obergewand aus und lege es über die Bank. Die Nachtluft ist mild. Langsam wird mir wieder warm.
Wir rudern weiter, aber jetzt ohne Eile. Die Ruder tauchen ein, gleiten durchs Wasser und heben sich wieder. Tropfen fallen zurück in den See, und jedes Mal ist das Geräusch ein bisschen leiser.
Eintauchen und ziehen. Im Takt des Atems.
Die anderen Boote sind in der Nähe. Wir sehen ihre dunklen Umrisse auf dem Wasser und hören ihre Ruder. Einer summt leise ein Lied, das wir als Kinder gelernt haben.
Das Wasser riecht frisch, nach Regen und nach Schilf. Vom Ufer her kommt der Duft von Kräutern, die tagsüber in der Sonne gelegen haben.
Meine Arme sind müde vom Schöpfen. Ich lege die Hände in den Schoss und spüre, wie die Anspannung aus den Schultern weicht, ganz langsam, wie Wasser aus einem Tuch.
Jesus sitzt jetzt bei uns. Er sagt nicht viel. Er schaut über das Wasser, und einmal legt er mir die Hand auf die Schulter.
Irgendwo am Ufer leuchtet ein kleines Feuer, weit weg. Vielleicht Fischer, die ihre Netze flicken. Wenn die Luft sich bewegt, riecht man ganz schwach den Rauch.
Über uns zieht ein Nachtvogel vorbei, lautlos, nur ein Schatten vor den Sternen.
Der Mond steigt über die Hügel im Osten. Er legt eine silberne Bahn aufs Wasser, und wir fahren ganz langsam darauf zu.
Das Boot schaukelt sanft. Ich lehne mich an die Bordwand. Das Holz ist glatt und kühl und noch ein wenig feucht.
Einer der anderen sitzt am Steuer. Er kennt den Weg auch in der Nacht. Ich muss auf nichts mehr achten.
Meine Augen werden schwer. Ich höre das Wasser unter dem Boot, ein leises Glucksen, und die Schläge der Ruder, die immer langsamer werden.
Die Sterne spiegeln sich im stillen Wasser, so dass man kaum noch weiss, wo der Himmel aufhört und der See beginnt.
Jesus ist da, und das Boot ist sicher. Ich muss nicht mehr wach bleiben.
Der See ist still.
Und das Boot trägt uns, ganz langsam, zum anderen Ufer.
Werde still.
Heute gehen wir durch den dreiundzwanzigsten Psalm wie durch eine Landschaft. Ganz langsam, Vers für Vers. Du musst nichts dabei tun, nur mitgehen.
Der Herr ist mein Hirt: mir mangelt nichts.
Es ist später Nachmittag. Du bist unterwegs, auf einem schmalen Weg, der sich zwischen Hügeln hindurchzieht. Vor dir geht jemand, ein Hirt, mit einem langen Stab in der Hand. Er geht langsam, so, dass du gut mitkommst.
Die Sonne steht schon tief, und das Licht ist warm und golden. Es liegt auf den Hängen wie Honig. Die Schatten der Bäume sind lang geworden.
Auf grünen Auen lässt er mich lagern.
Der Weg führt auf eine Wiese. Das Gras ist hoch und weich, dazwischen blühen kleine Blumen, gelb und weiss. Es riecht nach Heu und nach warmer Erde.
Der Hirt bleibt stehen, und du setzt dich. Du lässt dich ins Gras sinken. Es ist noch warm von der Sonne. Über dir summt eine Biene, und irgendwo, weit weg, bimmelt eine Glocke.
Ein Schmetterling setzt sich auf einen Halm neben dir, klappt die Flügel zu und wieder auf. Du legst dich zurück und schaust in den Himmel. Ein paar Wolken ziehen vorbei, langsam, als hätten sie heute keinen Termin mehr.
Zum Lagerplatz am Bache führt er mich.
Nach einer Weile geht ihr weiter, hinunter zu einem Bach. Das Wasser ist klar, du siehst jeden Stein am Grund. Es fliesst ruhig dahin, mit einem leisen, gleichmässigen Plätschern.
Du kniest dich hin und trinkst aus der hohlen Hand. Das Wasser ist kühl und schmeckt nach Stein und nach Bergen. Du wäschst dir das Gesicht, und der Staub des Tages geht mit dem Wasser davon.
Am Ufer wachsen Weiden. Ihre langen Zweige hängen bis ins Wasser, und die Strömung bewegt sie hin und her, ganz sachte.
Er erquickt meine Seele.
Er leitet mich auf rechten Pfaden um seines Namens willen.
Der Weg geht weiter, den Bach entlang und zwischen Sträuchern hindurch. Der Hirt kennt jeden Stein und jede Biegung. Wo es steil wird, geht er langsamer, und wo der Weg sich gabelt, wartet er auf dich.
Ihr kommt an einer alten Mauer aus Feldsteinen vorbei. Die Steine sind noch warm von der Sonne, und eine Eidechse huscht in eine Ritze.
Müsst’ ich auch wandern in finsterm Tal: ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir.
Jetzt führt der Weg in ein enges Tal. Die Felswände rücken näher, und die Sonne ist hinter dem Hügel verschwunden. Es wird kühler und dunkler.
Du siehst nicht mehr weit. Aber du hörst ihn vor dir, seine ruhigen Schritte auf dem Pfad und das leise Klopfen seines Stabes auf dem Stein. Einmal, und wieder. So weisst du immer, wo er ist.
Dein Hirtenstab und dein Stecken, die sind mein Trost.
Und dann öffnet sich das Tal. Vor dir liegt ein weiter, sanfter Hang im letzten Abendlicht. Oben auf einer kleinen Anhöhe steht ein Haus mit hellen Fenstern.
Du deckst mir reichlich den Tisch.
Drinnen ist es warm. Im Herd knistert ein Feuer. Auf dem Tisch steht Brot, frisch und duftend, dazu Käse und Oliven und eine Schale mit Feigen. Der Hirt zieht dir einen Stuhl heran.
Das Brot ist noch warm. Du brichst ein Stück ab, und die Kruste knackt leise.
Du salbst mir das Haupt mit Öl und schenkst mir den Becher voll ein.
Er giesst dir ein wenig Öl über das Haar, so wie man es damals bei einem Gast tat, den man ehren wollte. Es riecht nach Kräutern. Und er füllt deinen Becher, bis er fast überläuft.
Du isst langsam. Du bist müde, auf die gute Art, so wie man nach einem langen Tag draussen müde ist.
Nur Gutes und Liebes werden mich begleiten mein ganzes Leben hindurch.
Draussen ist es Nacht geworden. Durch das Fenster siehst du die Sterne über den Hügeln, und den Weg, den ihr gekommen seid, silbern im Mondlicht.
Neben dem Herd ist ein Lager für dich gemacht, mit einer dicken Wolldecke. Du legst dich hin. Die Decke ist schwer und warm.
Das Holz im Herd ist zu Glut geworden. Ab und zu knackt es, und ein kleiner Funke steigt auf.
Der Hirt sitzt noch am Feuer und wacht.
Und heimkehren werd’ ich zum Hause des Herrn für eine lange Reihe von Tagen.
Das Feuer knistert leise.
Du bist zu Hause.
Ich erzähle dir heute vom Anfang. Von der Zeit, als Gott die Welt gemacht hat, Tag für Tag, und jeder dieser Tage endete mit einem Abend.
Am Anfang ist alles still und dunkel. Kein Wind und keine Stimme. Nur eine weite, tiefe Wasserfläche, schwarz und glatt, so weit, dass sie keinen Rand hat.
Und über diesem Wasser schwebt der Geist Gottes. So wie ein grosser Vogel über seinem Nest schwebt, ohne Eile, ganz nah über der Oberfläche, und wartet.
Dann spricht Gott. Seine Stimme ist ruhig. Es werde Licht. Und es wird Licht.
Dieses erste Licht sickert in die Dunkelheit wie das erste Grau am Morgen, wenn die Vorhänge langsam hell werden und draussen noch kein Vogel singt.
Und Gott sieht, dass das Licht gut ist. Er nennt das Licht Tag, und die Dunkelheit nennt er Nacht. Auch die Nacht bekommt von ihm einen Namen.
Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der erste Tag.
Am zweiten Tag spannt Gott den Himmel auf, ein weites Gewölbe über den Wassern. Unten das Meer, oben der Himmel, und dazwischen ein grosser, offener Raum voller Luft. Kühle, klare Luft, wie auf einer Passhöhe am frühen Morgen.
Und Gott nennt das Gewölbe Himmel. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der zweite Tag.
Am dritten Tag sammelt sich das Wasser. Es zieht sich langsam zurück, wie das Meer bei Ebbe, und aus der Tiefe taucht das Land auf. Nasse Felsen und dunkle Erde, die in der Sonne zu trocknen beginnt.
Gott nennt das Trockene Erde und das gesammelte Wasser Meer. Und Gott sieht, dass es gut ist.
Dann sagt er: Die Erde lasse junges Grün sprossen. Und überall beginnt es zu wachsen. Zuerst ein zarter grüner Schimmer, wie auf einer Wiese im April. Dann Gras und Kräuter, Moos auf den Steinen, und Bäume, die ihre Äste ausbreiten und Früchte tragen, jeder nach seiner Art.
Riech den Duft von frischem Gras nach einem Regen. Hör, wie der Wind zum ersten Mal durch Blätter geht.
Und Gott sieht, dass es gut ist. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der dritte Tag.
Am vierten Tag setzt Gott Lichter an den Himmel. Die Sonne für den Tag, warm und golden. Und für die Nacht den Mond, das kleinere Licht, und dazu die Sterne.
Stell dir die erste Nacht mit Sternen vor. Es gibt noch keine Stadt und keine Strassenlampe. Nur dieses ruhige, silberne Licht über dem Meer und über den Wäldern, und darüber Tausende von Sternen, so viele, wie man sie heute nur noch hoch in den Bergen sieht.
Sie sollen Tage und Jahre zählen, sagt Gott, und die Festzeiten. Seither geht jeden Abend die Sonne unter und jeden Morgen wieder auf, ohne dass jemand daran denken muss.
Und Gott sieht, dass es gut ist. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der vierte Tag.
Am fünften Tag füllt sich das Wasser mit Leben. Fische ziehen in Schwärmen durch das grüne Licht unter der Oberfläche, und weit draussen, in der Tiefe, bewegen sich grosse, ruhige Tiere, deren Namen noch niemand kennt.
Und über der Erde fliegen die ersten Vögel. Du hörst das Rauschen von Flügeln und das Rufen über dem Wasser, und am Abend das leise Zwitschern in den Bäumen, bevor es still wird.
Gott segnet sie. Seid fruchtbar und mehret euch, sagt er. Und Gott sieht, dass es gut ist.
Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der fünfte Tag.
Am sechsten Tag bringt die Erde die Landtiere hervor. Rehe am Waldrand, Kühe auf der Weide, Füchse und Käfer im Gras, alles, was läuft und kriecht, jedes nach seiner Art.
Und Gott sieht, dass es gut ist.
Dann macht Gott den Menschen. Nach seinem Bild, ihm ähnlich. Als Mann und Frau schafft er sie.
Gott segnet sie und vertraut ihnen die Erde an, das Meer und den Himmel und alles, was darin lebt. Und er gibt ihnen die Früchte der Bäume und die Körner der Pflanzen zur Nahrung.
Dann schaut Gott alles an, was er gemacht hat. Das Meer und die Wälder, die Tiere und die Menschen. Und siehe, es war sehr gut.
Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der sechste Tag.
Und dann kommt der siebte Tag.
Gott hat sein Werk vollendet. Und er ruht.
An diesem Tag macht er nichts mehr. Er lässt die Welt einfach sein, so, wie sie ist.
Das Meer kommt in langen, gleichmässigen Wellen an den Strand und zieht sich wieder zurück. Hin und zurück, wie ein Atem.
In den Wäldern ist es still, und die Tiere liegen im Schatten, während der Wind ganz sanft über die Gräser geht.
Und Gott segnet den siebten Tag und heiligt ihn. Einen ganzen Tag, an dem nichts getan werden muss.
Auch diese Nacht gehört dazu. Du darfst ruhen, wie er geruht hat.
Es wird Abend.
Das Licht wird weich und golden, und dann dunkelblau. Über dem Meer geht der Mond auf, das kleinere Licht, und die Sterne kommen, einer nach dem anderen.
Alles, was er gemacht hat, ist da.
Atme ein. Und aus.
Und es wurde Abend.