Offenes Buch am Fenster

Psalmen · sieben Abendpsalmen, 18 Minuten

Psalmen zur Nacht

20 Min. · Stimme Michael und Lana und Leon

Psalm 4, 91, 121, 131, 23, 62 und 139 hintereinander, wie im Nachtgebet der Klöster. Zwischen den Psalmen bleibt Zeit, nachzuklingen.

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Psalm vier ist ein Abendgebet. Man betet ihn, wenn der Tag noch nachhallt und man trotzdem schlafen möchte. Wenn ich rufe, erhöre mich, du Gott meiner Gerechtigkeit! In Bedrängnis hast du mir immer Raum geschafft: sei mir gnädig und höre mein Gebet! Ihr Herrensöhne, wie lange noch soll meine Ehre geschändet werden? Wie lange noch wollt ihr an Eitlem hangen, auf Lügen ausgehn? Erkennt doch, dass der Herr den ihm Getreuen sich auserkoren: der Herr vernimmt’s, wenn ich zu ihm rufe. Seid zornerregt, doch versündigt euch nicht! Denkt nach im stillen auf eurem Lager und schweigt! Bringt Opfer der Gerechtigkeit dar und vertraut auf den Herrn! Es sagen gar viele: «Wer lässt Gutes uns schauen?» Erhebe über uns, o Herr, das Licht deines Angesichts! Du hast mir grössere Freude ins Herz gegeben als ihnen zur Zeit, wo sie Korn und Wein in Fülle haben. In Frieden will ich beides, mich niederlegen und schlafen; denn du allein, Herr, lässt mich in Sicherheit wohnen.

Den letzten Vers noch einmal, für die Nacht.

In Frieden will ich beides, mich niederlegen und schlafen; denn du allein, Herr, lässt mich in Sicherheit wohnen.

Psalm einundneunzig gehört seit alter Zeit zum Nachtgebet der Kirche. Man betet ihn, wenn man Angst hat, um sich oder um jemanden, den man liebt. Wer da wohnt im Schirm des Höchsten und im Schatten des Allmächtigen weilt, der spricht zum Herrn: «Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue!» Denn er ist’s, der dich rettet aus den Voglers Schlinge, von der unheilvollen Pest. Mit seinen Fittichen deckt er dich, und unter seinen Flügeln bist du geborgen, Schild und Panzer ist seine Treue. Du brauchst dich nicht zu fürchten vor nächtlichem Schrecken, vor dem Pfeil, der bei Tage daherfliegt, nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die mittags wütet. Ob tausend dir zur Seite fallen, zehntausend zu deiner Rechten: an dich kommt’s nicht heran; nein, lediglich mit eignen Augen wirst du’s schauen und zusehn, wie den Frevlern vergolten wird. Ja, du, o Herr, bist meine Zuflucht: den Höchsten hast du zum Schutz dir erwählt. Kein Übel wird dir begegnen, kein Unheilsschlag deinem Zelte nahn; denn seine Engel wird er für dich entbieten, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen; auf den Armen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht stosse an einen Stein; über Löwen und Ottern wirst du schreiten, wirst junge Löwen und Schlangen zertreten. «Weil er fest an mir hängt, so will ich ihn retten, will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. Ruft er mich an, so will ich ihn erhören; ich steh’ ihm bei in der Not, will frei ihn machen und geehrt. Mit langem Leben will ich ihn sättigen und lasse ihn schauen mein Heil.»

Psalm hunderteinundzwanzig ist ein Pilgerlied. Die Leute sangen ihn auf dem Weg nach Jerusalem, und man kann ihn beten, bevor man aus dem Haus geht oder eine Reise antritt. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: von wo wird Hilfe mir kommen? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde geschaffen. Er wird deinen Fuss nicht wanken lassen; nicht schlummert dein Hüter. Nein, nicht schlummert und nicht schläft der Hüter Israels. Der Herr ist dein Hüter, der Herr dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich bei Tage die Sonne nicht sticht, noch der Mond in der Nacht. Der Herr behütet dich vor allem Übel, er behütet deine Seele; der Herr behütet deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.

Noch einmal. Diesmal für jemanden, der heute unterwegs ist.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: von wo wird Hilfe mir kommen? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde geschaffen. Er wird deinen Fuss nicht wanken lassen; nicht schlummert dein Hüter. Nein, nicht schlummert und nicht schläft der Hüter Israels. Der Herr ist dein Hüter, der Herr dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich bei Tage die Sonne nicht sticht, noch der Mond in der Nacht. Der Herr behütet dich vor allem Übel, er behütet deine Seele; der Herr behütet deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.

Psalm hunderteinunddreissig hat nur drei Verse. Er ist für Abende, an denen der Kopf zu viel will und das Herz nicht hinterherkommt. Ich lese ihn zweimal. Beim zweiten Mal kannst du die Augen schliessen. Herr, mein Herz ist nicht hochfahrend, und meine Augen erheben sich nicht stolz; ich gehe nicht mit Dingen um, die vermessen sind und mir zu hoch. Nein, ich habe mein Herz beruhigt und gestillt; wie ein entwöhntes Kind an der Mutter Brust, so ruht entwöhnt mein Herz in mir. Israel, harre des Herrn von nun an bis in Ewigkeit.

Herr, mein Herz ist nicht hochfahrend, und meine Augen erheben sich nicht stolz; ich gehe nicht mit Dingen um, die vermessen sind und mir zu hoch.

Nein, ich habe mein Herz beruhigt und gestillt; wie ein entwöhntes Kind an der Mutter Brust, so ruht entwöhnt mein Herz in mir.

Israel, harre des Herrn von nun an bis in Ewigkeit.

Der dreiundzwanzigste Psalm ist für die Tage, an denen du nicht weisst, wie es weitergeht. Viele kennen ihn auswendig, seit der Kindheit oder seit einer Beerdigung. Der Herr ist mein Hirt: mir mangelt nichts. Auf grünen Auen lässt er mich lagern, zum Lagerplatz am Bache führt er mich. Er erquickt meine Seele; er leitet mich auf rechten Pfaden um seines Namens willen. Müsst’ ich auch wandern in finsterm Tal: ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir: dein Hirtenstab und dein Stecken, die sind mein Trost. Du deckst mir reichlich den Tisch vor den Augen meiner Feinde; du salbst mir das Haupt mit Öl und schenkst mir den Becher voll ein. Nur Gutes und Liebes werden mich begleiten mein ganzes Leben hindurch, und heimkehren werd’ ich zum Hause des Herrn für eine lange Reihe von Tagen.

Noch einmal, langsamer. Wenn du willst, sprich leise mit. Der Herr ist mein Hirt: mir mangelt nichts. Auf grünen Auen lässt er mich lagern, zum Lagerplatz am Bache führt er mich. Er erquickt meine Seele; er leitet mich auf rechten Pfaden um seines Namens willen.

Müsst’ ich auch wandern in finsterm Tal: ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir: dein Hirtenstab und dein Stecken, die sind mein Trost. Du deckst mir reichlich den Tisch vor den Augen meiner Feinde; du salbst mir das Haupt mit Öl und schenkst mir den Becher voll ein. Nur Gutes und Liebes werden mich begleiten mein ganzes Leben hindurch, und heimkehren werd’ ich zum Hause des Herrn für eine lange Reihe von Tagen.

Psalm zweiundsechzig ist ein Psalm fürs Stillwerden. Man betet ihn, wenn andere an einem zerren und das eigene Herz nicht zur Ruhe kommt. Nur im Aufblick zu Gott ist meine Seele still: von ihm kommt meine Hilfe; nur er ist mein Fels und meine Hilfe, meine Burg: ich werde nicht allzusehr wanken. Wie lange noch lauft ihr Sturm gegen einen Mann, wollt ihn niederschlagen allesamt wie eine sinkende Wand, eine dem Einsturz nahe Mauer? Ja, von seiner Höhe planen sie ihn zu stossen; Lügen sind ihre Lust; mit dem Munde segnen sie, doch im Herzen fluchen sie. Nur im Aufblick zu Gott sei still, meine Seele! Denn von ihm kommt meine Hoffnung; nur er ist mein Fels und meine Hilfe, meine Burg: ich werde nicht wanken. Auf Gott beruht mein Heil und meine Ehre; mein starker Fels, meine Zuflucht liegt in Gott. Vertraut auf ihn zu aller Zeit, ihr Volksgenossen, schüttet vor ihm euer Herz aus: Gott ist unsere Zuflucht. Nur ein Hauch sind Menschensöhne, ein Trug sind Herrensöhne; auf der Waage schnellen sie empor, sind allesamt leichter als ein Hauch. Verlasst euch nicht auf Erpressung und setzt nicht eitle Hoffnung auf Raub; wenn der Reichtum sich mehrt, so hängt das Herz nicht daran! Eins ist’s, was Gott gesprochen, und zweierlei ist’s, was ich vernommen, dass die Macht bei Gott steht. Und bei dir, o Allherr, steht auch die Gnade: ja, du vergiltst einem jeden nach seinem Tun.

Psalm hundertneununddreissig betest du an Tagen, an denen du dich selbst nicht ganz verstehst. Er ist lang. Lass dir Zeit mit ihm. Herr, du erforschest mich und kennst mich; du weisst es, ob ich sitze oder aufstehe, du verstehst, was ich denke, von ferne; ob ich wandre oder ruhe, du prüfst es und bist mit all meinen Wegen vertraut; denn ehe ein Wort auf meiner Zunge liegt, kennst du, o Herr, es schon genau. Du hältst mich von hinten und von vorne umschlossen und hast deine Hand auf mich gelegt. Zu wunderbar ist solches Wissen für mich, zu hoch: ich vermag’s nicht zu begreifen! Wohin soll ich gehn vor deinem Geist und wohin fliehn vor deinem Angesicht? Führe ich auf zum Himmel, so wärst du da, und lagert’ ich mich in der Unterwelt, so wärst du dort; nähme ich Schwingen des Morgenrots zum Flug und liesse mich nieder am äussersten Westmeer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich fassen; und spräch’ ich: «Lauter Finsternis soll mich umhüllen und Nacht sei das Licht um mich her!» auch die Finsternis würde für dich nicht finster sein, vielmehr die Nacht dir leuchten wie der Tag: Finsternis wäre für dich wie das Licht. Denn du bist’s, der meine Nieren gebildet, mich gewoben im Schoss meiner Mutter. Ich danke dir, dass ich so überaus wunderbar bereitet bin: wunderbar sind deine Werke, und meine Seele erkennt das wohl. Meine Wesensgestaltung war dir nicht verborgen, als im Dunkeln ich gebildet ward, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde. Deine Augen sahen mich schon als formlosen Keim, und in deinem Buch standen eingeschrieben alle Tage, die vorbedacht waren, als noch keiner von ihnen da war. Für mich nun – wie kostbar sind deine Gedanken, o Gott, wie gewaltig sind ihre Summen! Wollt’ ich sie zählen: ihrer sind mehr als des Sandes; wenn ich erwache, bin ich noch immer bei dir.

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Und sieh, ob ich wandle auf trüglichem Wege, und leite mich auf dem ewigen Wege!